Mein Herr, Sie sind verhaftet
An dem Tag saß ich wie immer an der Straßenecke, die vertrauten Rillen des Pflasters unter mir, mit meiner alten Gitarre im Arm. Die Sonne warf lange Schatten, und die wenigen Münzen in meinem offenen Koffer glitzerten schwach. Es war mein täglicher Platz, mein kleines Stück Welt, wo ich meine Lieder für die Medikamente spielte, die den Schmerz in meinem Rücken und die Bilder in meinem Kopf erträglicher machten. Die Gitarre war mein einziger Freund, ihre Saiten erzählten Geschichten, die ich nicht aussprechen konnte.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, standen drei Polizisten um mich herum, ihre Silhouetten schnitten das Licht ab. Einer von ihnen, ein junger Mann mit strengem Blick, packte ohne ein Wort meine Gitarre und zerschmetterte sie mit einer brutalen Bewegung am Boden. Das Krachen des Holzes war lauter als jeder Verkehrslärm. Dann trat er mit voller Wucht gegen meinen offenen Gitarrenkoffer. Meine paar Münzen, mein ganzer Besitz, flogen wie konfetti über das Pflaster und rollten in Richtung Gully.
Ich wischte mir instinktiv die schmutzigen Hände an meiner alten Armeejacke ab, einem Überbleibsel eines anderen Lebens. Die Worte kamen als Flüstern heraus, fast ein Gebet: – Bitte, nehmen Sie mich nicht mit. Ich spiele doch nur, um mir Medikamente zu kaufen. In dem Moment, als ich sah, wie die letzte Münze in den dunklen Schlund des Gullys verschwand, fühlte ich, wie etwas in mir brach. Es war nicht nur die Gitarre. Es war die letzte Illusion von Würde, die mir geblieben war. Sie schauten mich nur kalt an. Einer sagte mit monotoner Stimme: – Wir säubern die Straße. Sie können in der Zelle warten, da stören sie die Touristen nicht.

Dann spürte ich den kalten, unnachgiebigen Stahl der Handschellen an meinen Handgelenken. Die Panik stieg in mir auf, ein bekannter Feind. – Bitte, tun Sie das nicht! – flehte ich verzweifelt, meine Stimme brach. – Ich gehe da drin kaputt. Ich habe doch hier niemanden. Die Zelle, die Isolation, sie waren schlimmer als die Kälte der Nacht. Gerade als ich dachte, es ist vorbei, als ich mich schon unsichtbar fühlte, wie ein Staubkorn, das weggefegt wird, geschah etwas.
Zwei Leute traten aus der Menge, die sich inzwischen gesammelt hatte. Eine hochschwangere Frau mit entschlossenem Gesicht stellte sich schützend vor mich, ihren Körper als Barriere zwischen mir und den Beamten. – Ihr müsst erst an mir vorbei! – schrie sie, ihre Hände auf ihren Bauch gelegt. Gleichzeitig zeigte ein älterer Mann mit Brille auf die Dienstmarke des vordersten Polizisten. Seine Stimme war ruhig, aber schneidend: – Hört auf damit. Sehen Sie die Jacke? Er ist Veteran. Das ist Misshandlung, nichts anderes!

Die Beamten zögerten, packten mich aber trotzdem fester, um mich zum Streifenwagen zu zerren. Doch dann passierte das Unfassbare. Aus den umliegenden Geschäften und Wohnungen kamen Menschen, meine Nachbarn, die ich jeden Tag sah, mit denen ich nie ein Wort gewechselt hatte. Sie bildeten einen Halbkreis. Sie hielten ihre Handys hoch, die kleinen Linsen wie unzählige wache Augen. Ein Chor von Stimmen erhob sich, erst vereinzelt, dann wie eine Woge: – Schämt euch! Schämt euch! Als ich dieses Brüllen hörte, diesen kollektiven Zorn zu meinen Gunsten, machte mein kaltes, abgestumpftes Herz einen Sprung. Ich begriff: Ich bin nicht unsichtbar.
Die Polizisten wechselten Blicke. Das Blitzlicht der Handys ließ sie blinzeln. Sie sahen die Kameras, die auf sie gerichtet waren, und ihre Entschlossenheit schmolz dahin. Verlegen, fast schuldbewusst, stiegen sie wortlos in ihr Auto und fuhren davon, ließen mich mit der zertrümmerten Gitarre und einer aufgewühlten Menschenmenge zurück. Die Stille, die folgte, war ohrenbetäubend.

Dann bückte sich die schwangere Frau mühsam zu mir herab. Sie roch nach Seife und frischer Wäsche. Sie umarmte meine dreckige Jacke fest, ohne mit der Wimper zu zucken. – Keine Angst, mein Herr –, sagte sie mit fester, sanfter Stimme. – Sie haben für uns gekämpft, jetzt kämpfen wir für Sie. Sie gehören hier zur Familie. In dem Moment, inmitten von Schutt und Scham, habe ich es verstanden. Diese Straße, diese Ecke, diese Menschen – sie waren keine Kulisse mehr. Sie waren eine große, laute, unordentliche Familie.
Die Geschichte endete nicht an diesem Tag. Der Mann mit der Brille, Herr Becker wie ich später erfuhr, nahm mich mit zu einer Veteranenberatung. Die schwangere Frau, Anna, brachte mir am nächsten Tag eine Thermoskanne mit Suppe und eine neue, gebrauchte Gitarre. – Die Straße braucht Ihre Musik –, sagte sie lächelnd. Ich wollte nie Ärger, ich wollte nur in Frieden leben. Vielleicht hatte ich diesen Frieden immer an der falschen Stelle gesucht – in der Einsamkeit. Vielleicht gibt es für Gott keine Obdachlosen, sondern nur menschliche Seelen, die darauf warten, gefunden zu werden. Und manchmal findet man sie nicht in einem Zuhause, sondern in einer Umarmung auf kalten Steinen.
